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Literatur

Die polnische Literatur besitzt einen einzigartigen Charakter, sie ist von Vielfalt geprägt und doch hermetisch. Deswegen haben nur wenige Werke "Weltkarriere" gemacht. Dies ist wohl auf Polens wechselreiche Geschichte zurückzuführen. Seit dem 13. Jh., als die ersten in polnischer Sprache verfassten Texte erschienen, bis zum Ende des 18. Jh. verlief die Entwicklung der polnischen Literatur, damals noch der Literatur eines freien Landes, ähnlich wie in anderen Ländern Europas. Die polnische Renaissance, der Barock und die Aufklärung hatten ihre europaweit bekannten Vertreter, wie Jan Kochanowski, Mikołaj Sęp Sarzyński oder Ignacy Krasicki, vorzuweisen.
Ende des 18. Jh., als Polen für 120 Jahre seine Unabhängigkeit und Hoheitsgewalt verlor, entstand eine völlig neue Situation. Für ein Volk, das seines Staates und all seiner Institutionen beraubt wird, verkörpert ein Schriftsteller das Ein und Alles. Er wird zum geistigen und politischen Cicerone, zur moralischen Autorität, zum Gesetzgeber und zum Anführer. Die Literatur - zur einzigen Ausdrucksform und Möglichkeit der Beibehaltung der nationalen und kulturellen Identität. Die Sprache - zur einzigen Heimat. Gerade deswegen hatte in der polnischen Literatur des 19. Jh. das Wort des Dichters den höchsten Stellenwert inne: den Wert des Gesetzes, der Wahrheit, ja, beinahe der Offenbarung. Der Dichter wurde zum nationalen "Führer und Propheten", die Literatur zum "Dienst und zur Mission". Dieser Aufgabe konnten nur die größten Dichter des 19. Jh. gerecht werden: Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki, Zygmunt Krasiński und Cyprian Kamil Norwid.
Die mit der Bürde der patriotischen Pflichtausübung behaftete Literatur musste nun in den verschiedenen Augenblicken der polnischen Geschichte entweder dem Erwartungsdruck des Volkes nachgeben oder sich gegen seine Last auflehnen. Zwischen dieser "Pflicht" und "Auflehnung" liegen ideelle und ästhetische Schaffensräume, in denen sich die polnische Dichtung, Prosa und Drama bis heute bewegen.
Auch die ersten polnischen Nobelpreisträger standen diesem Dilemma gegenüber. Henryk Sienkiewicz (1846-1916), Verfasser ungemein beliebter historischer Romane über die Geschichte Polens, die den Polen Mut machen sollten und bis heute zu den meistgelesenen Büchern in Polen gehören. Weltberühmt wurde er mit seinem Buch Quo Vadis, einem Roman über die Anfänge des Christentums. Der Roman wurde mehrfach, u.a. in Italien, den USA und Polen, verfilmt. Im Jahre 1905 wurde H. Sienkiewicz für sein Werk mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet.Der später u.a. in Italien, in den USA und in Polen verfilmte Roman beschreibt die Anfänge des Christentums. Władysław Stanisław Reymont (1867-1925) bekam den Nobelpreis für seinen Bauernepos Die Bauern.
Als Polen nach dem 1. Weltkrieg seine Unabhängigkeit wiedererlangte, ist der Protest gegen alleinige patriotische Pflichtausübung in der Kunst zu einem der Hauptmerkmale der polnischen Literatur avanciert. Witold Gombrowicz, ein hervorragender polnische Prosaist des 20. Jh., machte die "Befreiung vom Polentum" zum Leitmotiv seines Schaffens. Gleichsam ließen beispielsweise die Werke von Bruno Schulz und Stanisław Ignacy Witkiewicz das Theater des Widersinns vorausahnen.
In der Epoche des Kommunismus entwickelte sich die polnische Literatur zweispurig. Zum Einen war es die Literatur der unzensierten und freien Exilschriftsteller (Miłosz, Gombrowicz, Herling-Grudziński, Kołakowski), zum Anderen die in Polen verfasste Literatur, für die es galt, eine Existenz- und Ausdrucksweise zu finden, die eine Möglichkeit böte, trotz politischer Einschränkungen unerlaubte Inhalte anzusprechen. Die nach 1976 im politischen Untergrund verbreiteten Veröffentlichungen des sog. "zweiten Umlaufs" haben die polnische Literatur gewissermaßen gerettet und den Zusammenbruch des Kommunismus deutlich beschleunigt.
Paradoxerweise förderte die Zensur der kommunistischen Machthaber der Anknüpfung an das Schaffen der polnischen Dichterkunst des 19. Jh. Unterjochung und Freiheitsdrang ermutigte polnische Schriftsteller, die Fähigkeit zu entwickeln, vereinzelten Geschichten universelle Bedeutung und historische Dimension zu verleihen.
Einer ganz anderen Perspektive und einer vollkommen anderen Sprache bedient sich in seinen Stücken der Dramaturg Sławomir Mrożek. Einen eigenen Weg wählt ebenfalls die "Polnische Reportageschule". Das Bild vervollkommnen die Prosawerke von Jerzy Andrzejewski, Jarosław Iwaszkiewicz, Tadeusz Konwicki, Andrzej Szczypiorski, Marek Hlaśko und die Romane des weltbekannten Science-Fiction-Autors, Stanisław Lem.
Nach 1989 wurden in der polnischen Literatur neue Tendenzen sichtbar. Aus literarischer Sicht sind diejenigen Werke am wertvollsten, in denen der Versuch unternommen wird, in der jüngsten, komplizierten Geschichte eigene geistige Wurzeln bzw. die eigene "kleine Heimat" zu finden (Pawel Huelle, Stefan Chwin, Antoni Libera) sowie Versuche, die Sprache der modernen Massenmedien, Symbole und Helden der Massenkultur in die Literatur einzuführen.
Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen "Pflicht" und "Auflehnung", zwischen Metaphysik und Geschichte entsteht die polnische Gegenwartsliteratur, die danach sucht, das Menschendasein in all seinen Facetten unverlogen aufzuzeichnen und für nachkommende Generationen aufzubewahren.

Häufigste ÜbersetzungenZu den meistübersetzten, im Ausland veröffentlichten Autoren gehören: Stanisław Lem (in 36 Sprachen), Jerzy Andrzejewski (30), Wisława Szymborska (22), Tadeusz Rózewicz (20), Marek Hlaśko (19), Ryszard Kapuścinski (17), Czesław Miłosz (15), Sławomir Mrożek (14), Karol Wojtyła - Papst Johannes Paul d. II. (12), Zbigniew Herbert (11).

Theater des Widersinns

Die Weltkarriere der Dramen von S.I. Witkiewicz - Witkacy (1885-1939) begann erst in den 50er Jahren des 20. Jh. Ihre bis dahin als "unverständlich" geltende Konstruktion war nämlich zu jener Zeit dem in Mode gekommenen "Theater des Widersinns" nahe. Die Gräuel des 2. Weltkrieges und die Teilung Europas schienen die dunklen Zukunftsprognosen Witkacys zu bestätigen: die Diktatur der Massen schuf eine neue Weltordnung, in der nicht einmal die Initiatoren der Umwälzungen Freiheit erlangten. Diese Vorhersagen zähmte Witkacy mit seinem "Galgenhumor", sowohl in seinen Romanen als auch Stücken, allem voran in dem Drama „Die Schuster“.
Ebenso werden die Dramen von Witold Gombrowicz (1904-1969), der die Probleme seiner Romane, angefangen mit „Yvonne“, „Prinzessin von Burgund“, über „Die Vermählung“ bis schließlich zur „Operette“ auf die Theaterbühne verlegte, dem Theater des Widersinns angerechnet. Deren Inszenisierungen vermochten es hervorragend, die Hauptbestandteile der Philosophie Gombrowiczs zu vermitteln: den gegenseitigen Einfluss auf die Menschwerdung von gesellschaftlichen Konventionen und dem Bedürfnis, andere nach seinem eigenen Vorbild zu formen.
Der Begriff "Theater des Widersinns" erleichterte den internationalen Werdegang der Dramen von Sławomir Mrożek (1930). Seine Werke „Der Tango“ und „Die Emigranten“ wurden auf Bühnen in ganz Europa gespielt. Obwohl der Autor unterstrich, dass das Absurde in der Realität und nicht in seinen Dramen zu finden sei, war die in seinen Werken enthaltene Groteske in Wahrheit Antwort auf die Missstände der damaligen Zeit.

Auch Janusz Głowacki’s (1938) Werke finden Gefallen auf ausländischen Bühnen. Er besitzt, seinen Vorgängern ähnlich, die Fähigkeit, ernste Themen in komödienhafte Szenen umzuwandeln und dadurch höhnische Distanz zu den Protagonisten aufzubauen. Bereits in seinem Frühwerk „Antigone in New York“ bedient er sich der literarischen Anspielung und bringt Helden aus Weltstücken in einem völlig neuem Kontexten unter.

Die polnische Dichterschule

Mit dem im Ausland geprägten Begriff der "Polnischen Dichterschule" wird das literarische Schaffen der polnischen Gegenwartsdichter bezeichnet. Diese bilden in Wahrheit jedoch keine bestimmte Strömung, da in ihren Biografien und Werken mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten aufzufinden sind.
Czesław Miłosz (1911-2004) - Augenzeuge des 20. Jh. und Exildichter, ausgezeichnet mit zahlreichen Literaturpreisen , u.a. dem Nobelpreis in 1980; erfolgreicher Essayist, Romanautor und Übersetzer. Sein thematisch und genremäßig vielfältiges Schaffen zeichnet sich durch "geniale Schlichtheit" aus.

Czeslaw Milosz (1911-2004) - Augenzeuge des 20. Jh., lebte im Exil. Er ist mehrfacher Träger von Literaturpreisen, u.a. Nobelpreisträger von 1980; erfolgreicher Essayist, Romanschriftsteller und Übersetzer. Sein thematisch und genremäßig vielfältiges Schaffen zeichnet sich durch "geniale Schlichtheit" aus.

Tadeusz Rózewicz (1921)- Vertreter der "Kriegsgeneration"; rekonstruiert verloren geglaubte Werte, um sie dann erneut in Frage zu stellen; seine Dichtkunst gilt als Ausgangspunkt für das Avantgardeschaffen des sog. Vierten bzw. Rózewiczschen Systems; Prosaschriftsteller und Dramaturg („Die Kartei“, „Spaghetti und das Schwert“), der die üblichen Theaterkoventionen bricht.

Julia Hartwig (1921) - Dichterin, Übersetzerin, Kinderbuchautorin, Verfasserin einer Monographie von Apollinaire; ihr Schaffen entzieht sich jedem Versuch der Klassifizierung, mit dem Band Lichtblitze (2002) besiegelte sie die autonome Form eines poetischen Notizbuches.

Zbigniew Herbert (1924-1998) - Sokrates der Dichtung. Er vermag es, jede, dem Alltag oder der Mythologie entlehnte Situation mit einer ethischen Reflexion auszustatten; Essayist und Dramaturg; Herr Cogito, der unscheinbare Held seiner Gedichte, wurde zu einer der wenigen archetypischen Gestalten des 20. Jh.

Wislawa Szymborska (1923) - sparsam, wie wertvollstes Heilmittel verabreichte Dichtung, immer überraschend; ähnlich wie bei der berühmten Verbeugung bei der Nobelpreisverleihungszeremonie 1996, die als ironische Geste gegenüber der etwas wissenschaftlich formulierten Begründung der Jury ("Dichtung, die mit ironischer Präzision.

Adam Zagajewski (1945) - von jugendlicher Protestmanifestation zur puren Schönheit; bewusste Wahl des eigenen Werdeganges im hierfür schwierigsten Moment, als „Solidarität und Einsamkeit“ zum Titel einer Essaysammlung werden konnte und nicht, wie es sich später herausstellte, zur Bestätigung eines sein Leben und Schaffen prägenden Entschlusses.

Was ist diesen Dichtern gemeinsam? Die Fähigkeit, über die wichtigsten existenziellen, ethischen, metaphysischen und religiösen Erfahrungen und Entscheidungen des Menschen zu sprechen, eine tiefe und weise Reflexion, die Bedeutung der aufgegriffenen Problematik, die Vielfalt und das Reichtum der künstlerischen Mittel.

Giedroyc und Turowicz

Im Jahre 1990 wurde das staatliche Amt für Veröffentlichungs- und Aufführungskontrolle geschlossen. Dies bedeutete das Ende einer 50 Jahre dauernden Zensur, des ständigen Eingriffes in literarische Texte und des Veröffentlichungsverbots. Die hierdurch entstandene Spannung zwischen Kulturschaffenden und -empfängern bedurfte mühsamen Vertrauensaufbaues, der vor allem von zwei herausragenden Persönlichkeiten in Angriff genommen wurde.

„Für mich beruht die Arbeit eines Redakteurs nicht nur darauf, dass er imstande ist, ein Talent zu entdecken, seine Rolle ist vor allem die eines Betreuers“
Diese Äußerung von Jerzy Giedroyc (1906-2000), Gründer und Chefredakteur der im Pariser Literaturinstitut herausgegebenen Zeitschrift "Kultur" könnte auch von Jerzy Turowicz (1912-1999), dem Chefredakteur der Krakauer katholischen "Allgemeinen Wochenschau stammen. Beide verbanden rationales Denken mit Protest gegen moralische Kompromisse, unerhörten Fleiß mit höchster Professionalität, Konsequenz mit Offenheit gegenüber unpopulären Anschauungen. In den Jahren der kommunistischen Knechtschaft versuchten beide mit ihrer fortwährenden Geistesfrische die Zukunft zu gestalten. Ihre Verdienste umfassen nicht nur einen substantiellen Beitrag im Rahmen der politischen Transformation, sie gestalteten ebenfalls die Wahrnehmungsmuster und Verhaltensweisen der Menschen. Das Ableben beider legendärer Redakteure bedeutete das Ende der "verantwortungsbewussten Obhut", die verschiedensten Kulturschaffenden und –projekten Schutz bat.

Die Philosophie Tischners

Die Philosophie ging immer mit den in der Literatur auftretenden Veränderungen einher, manchmal wurde sie zur künstlerischer Ausdrucksweise. Eine solche Vernetzung verschiedener Bereiche war im 20. Jh. sehr häufig, als das philosophische Essay besonders populär wurde und als die Wissenschaftler den Kontakt mit "normalen Menschen" zur Notwendigkeit erklärten. Zu nennen wäre hier der Priester Józef Tischner (1931-2000), der vorzeitig verstorbene Schüler des berühmten Phänomenologen Roman Ingarden. Er kritisierte den christlichen Fundamentalismus und trat in den 70er Jahren des 20. Jh. in ein Streitgespräch mit dem Thomismus. Später ließ er seine eigene Philosophie des Dialogs entstehen, die auch als Philosophie der Begegnung bezeichnet wird und die in den Werken Philosophie des Dramas und im Streit um die Existenz des Menschen dargelegt wird. Besonderes Interesse Tischners galt den Fragen der Ethik.

1980 schuf er axiomlogische Grundlagen für die Tätigkeit der Gewerkschaft "Solidarnosc". Er nahm an den Tagungen als Kaplan der Gewerkschaft teil. Seine Anschauungen präsentierte er in der Presse und in zahlreichen Predigten. Das in viele Sprachen übersetztes Buch Ethik der Solidarität machte das spezifisch polnische Ethos auch im Ausland bekannt. Nach 1989 versuchte Tischner durch seine Veröffentlichungen die gesellschaftlichen Umwälzungen zu vertiefen. Er rief dazu auf, sich zu vergegenwärtigen, welche Veränderungen der Totalitarismus in jedem Menschen vollzogen hat und forderte auf, die Überbleibsel des sog. homo sovieticus auszurotten.

Bruno Schulz
Verbrachte fast sein ganzes Leben im provinziellen Drohobycz (in der Nähe Lembergs), wo er 1942 von der Gestapo ermordet wurde. Er veröffentlichte nur zwei Erzählbände: Zimtläden (1934) und Sanatorium zur Todesanzeige (1937). Beide voller Metaphern und geheimnisvoller Grafiken mit religiöser und erotischer Symbolik. Seine ungewöhnliche Schriftstellerei des "inneren Mythos" wurde durch den Krieg unterbrochen. Weltberühmt wurde das Werk von Schulz in der 2. Hälfte des 20. Jh.

Solaris in Hollywood

Das Werk von Stanislaw Lem (1921-2006) gehört zur Pflichtlektüre nicht nur für Liebhaber der Science-Fiction-Literatur. Der die Evolutionstheorie, Mathematik, Kybernetik, Astronomie und Physik beherrschende Arzt, Philosoph und Wissenschaft stheoretiker erforscht die Entwicklungswege der Wissenschaft und Technologie. Er ist Verfasser zahlreicher in viele Fremdsprachen verfasster Science-Fiction-Werke (Solaris, Robotermärchen, Sterntagebücher, Die Stimme des Herren).

Sein populärstes Buch, Solaris (1961) wurde zweimal verfilmt, u.a. 1972 vom legendären sowjetischen Regisseur Andriej Tarkowski. Die Übertragung der Lem'schen Vision auf die Leinwand war nicht nur aus künstlerischer Sicht schwierig. Die kommunistischen Machthaber forderten Tarkowski auf, mehrere Änderungen vorzunehmen, die die schöpferische Vision des Autors verzerrten. Trotzdem bekam der Film die Goldene Palme beim Festival in Cannes. 2002 wurde Solaris von Soderbergh und Cameron in den Studios von Twentieth Century Fox verfilmt. Trotzdem empfiehlt es sich, einfach nach diesem Buch zu greifen...

Magie des Ortes

Magie des Ortes. Kann es sein, dass dank dieser Magie die bekanntesten Erstlingswerke für reges Interesse in mehreren Ländern sorgten? Mit Gdansk verbindet sich der 1995 erschienene Hanemann von Stefan Chwin (1949), ähnlich wie das einige Jahre früher (1987) herausgegebene Buch Weiser Dawidek von Pawel Huelle (1957), in Gdansk spielt auch die Blechtrommel von Günther Grass. Man muss die Bücher ihrer geheimnisvolle Aura nicht berauben, um zu entdecken, dass sich die Quellen dieser Magie nachvollziehen lassen: es ist eine aufrichtige Rückkehr zu der schwierigen, durch Menschen verschiedener Nationen, durch mehrere Kulturen, Religionen und Sprachen, die einst nebeneinander existierten, gestalteten Vergangenheit. Von ähnlicher Magie sind auch andere Orte wie Wien, Warschau oder Krakau. Dies ist in der Familiensaga Im Garten der Erinnerung von Joanna Olczak-Ronikier deutlich spürbar. Das vielgelesene Buch, das 2002 den bedeutensten polnischen Literaturpreis Nike erhielt, die erworbene Option für Übersetzungen in zwölf Sprachen - all dies bestätigt nicht den Triumph des Ortes, sondern einer Literatur, die sich der Zerstörung, Vernichtung, der Grausamkeit der Geschichte und dem Vergessen entgegensetzt.

Zbigniew Herbert | Herrn Cogitos Vermächtnis

Geh wohin die anderen gingen bis an die dunkle grenze
Suche das goldene vlies des nichts deine letzte belohnung

geh aufrecht wo andere knien
wo sie sich abwenden sich im staub wälzen

du bist davongekommen nicht um zu leben
du hast nur wenig zeit um zeugnis zu geben

bleib tapfer wenn der verstand versagt bleib tapfer
nur dieses zählt in der allerletzten bilanz

und wie der ozean sei dein machtloser Zorn
sooft du den ruf der erniedrigten und der beleidigten hörst

(...)
hüte dich vor der dürre des herzens liebe die morgenquelle
den namenlosen vogel die wintereiche
das licht auf der mauer die herrlichkeiten des himmels
die deinen warmen atem nicht brauchen
die da sind um dir zu sagen niemand werde dich trösten

wache - wenn lichtzeichen auf den bergen erscheinen
- steh auf und geh
solange das blut in der brust deinen dunklen stern bewegt

wiederhole die alten menschheitsbewschwörenden märchen legenden
denn so erreichsr du das dir unerreichbare gut
wiederhole die großen worte wiederhole sie trotzig
wie wüstenwanderer sie wiederholten im sande verendend

man wird dich belohnen mit dem was zur hand ist
mit einem mundvoll gelächter und mit dem mord auf dem müll

so geh um aufgenommen zu werden unter die kalten schädel
der ahnen: Gilgamesch Hektor Roland
sie haben das grenzenlose reich und die stadt der asche verteidigt

Bleib treu Geh
[Übersetzt von Karl Dedecius]


Czeslaw Milosz

So wenig

Ich habe so wenig gesagt.
Die Tage sind kurz.

Kurz sind die Tage.
Die Nächte.
Die Jahre.

Ich habe so wenig gesagt.
Ich kam nicht dazu.

Mein Herz ist matt
Vom Entzücken,
Von der Verzweiflung,
Dem Eifer,
Der Hoffnung.

Leviathans Maul
Klappte über mir zu.

Ich lag entblößt am Ufer
Der menschenleeren Inseln.

Zum Abgrund riß mich hinab
Der weiße Walfisch der Welt.

Und nun weiß ich nicht mehr,
Was Wahrheit gewesen ist.

[Übersetzt von Karl Dedecius]

Wislawa Szymborska

Katze in der leeren Wohnung

Sterben - das tut man einer Katze nicht an.
Denn was soll eine Katze
in einer leeren Wohnung.
And den Wänden hoch,
sich an Möbeln reiben.
Nichts scheint sich hier verändert zu haben,
und doch ist alles anders.
Nichts verstellt, so scheint es,
und doch alles verschoben.
Am Abend brennt die Lampe nicht mehr.

Auf der Treppe sind Schritte zu hören,
aber nicht die.
Die Hand, die den Fisch auf den Teller legt,
ist auch nicht die, die es früher tat.

Hier beginnt etwas nicht
zur gewohnten Zeit.
Etwas findet nicht statt,
wie es sich gehört hätte.
Jemand war hier und war,
dann verschwand er plötzlich
und ist beharrlich nicht da.

Alle Schränke durchforscht.
Alle Regale durchlaufen.
Unter den Teppichen geprüft.
Trotz des Verbots
die Papiere durchstöbert.
Was bleibt da noch zu tun.
Schlafen und warten.

Komme er nur,
zeige er sich.
Er wird's schon erfahren.
Einer Katze tut man so etwas nicht an.
Sie wird ihm entgegenstolzieren,
so, als wolle sie es nicht,
sehr langsam,
auf äusserst beleidigten Pfoten.
Noch ohne Sprung, ohne Miau.

[Übersetzt von Karl Dedecius]

Tadeusz Rózewicz

Wer ist ein Dichter

Ein dichter ist wer gedichte schreibt
und wer keine gedichte schreibt

ein dichter ist wer fesseln zerreißt
und wer sich fesseln anlegt

ein dichter ist wer glaubt
und wer nicht glauben kann

ein dichter ist wer log
und wer belogen wurde

ein dichter ist wer einen mund hat
und wer die wahrheit schluckt

wer fiel
und wer sich erhebt

ein dichter ist wer fortgeht
und wer nicht fortgehen kann

[Übersetzt von Karl Dedecius]

Adam Zagajewski

Leserbrief

Zu viel über den Tod,
über Schatten.
Schreib über das Leben,
den gewöhnlichen Tag,
den Wunsch nach Ordnung.
(...)
Schau,
Die in den engen Stadien
zusammengepferchten Völker
singen Hymnen des Hasses.

Zu viel Musik
Zu wenig Eintracht, Ruhe,
Vernunft.

Schreib von den Augenblicken,
in denen Stege der Freundschaft
haltbarer scheinen
als die Verzweiflung.

Schreib von Liebe,
von den langen Abenden,
vom Morgen,
von Bäumen,
von der endlosen Geduld
des Lichts.

[Übersetzt von Karl Dedecius]

Polnische Reportageschule

Die Reportage hat sich als selbständige literarische Form erst im 20. Jh. herauskristallisiert. In der polnischen Literatur wurde sie bereits zwischen den beiden Weltkriegen als eine besonders attraktive "Grenzgattung" betrachtet. Das Anknüpfen an im 19. Jh. populäre Tagebücher, Erzählungen und Chroniken erlaubte es, die dokumentarische Aufzeichnung der Realität zu verlassen. Das Schicksal authentischer Figuren mit dem gleichzeitigen Drang zu einer gewissen Verallgemeinerung zu verfolgen, erwies sich als eine Erzähltechnik, die eine literarische Diagnose der tragischen Ereignisse des 20. Jh., des Jahrhunderts der Totalitarismen, der Kriege und des Holocaust ermöglichte.
Die Entwicklung der "polnischen Reportageschule" stand im engen Zusammenhang mit den Ereignissen des 2. Weltkrieges. Die Werke von K. Pruszyński und M. Wańkowicz gingen jedoch eindeutig in die Richtung der Erzählprosa. Eine andere Methode wählte Zofia Nałkowska in „Den Medallions“ - einem asketischen Zeugnis des Holocausts und Tadeusz Borowski, dessen im Vernichtungslager spielenden Erzählungen, die anfangs als Tatsachenliteratur galten, eine Anklage jener Welt darstellten, die den Menschen als Ware betrachtet. Gustaw Herling-Grudziński nutzte seine Erfahrungen aus sowjetischen Lagern, um grundlegende ethische und religiöse Werte zu hinterfragen. Dank der erzählerischen Tiefe zählt, Bertrand Russell nach, Grudzińskis „Die andere Welt“ noch heute "zu den bedeutendsten und hervorragendsten Werken des 20. Jh.“.
Auch Jan Józef Szczepański, der im Band „Vor dem unbekannten Tribunal“ authentische Ereignisse wie z.B. die Heldentat des hl. Maksymilian Kolbe beschreibt, gehört zur polnischen Reportageschule. Der Holocaust ist ebenfalls in die Schicksale der Helden von Hanna Krall eingeschrieben („Dem Herrgott zuvorkommen“, „Tanz auf fremder Hochzeit“, „Die Untermieterin“). Ihre Bücher sind zugleich ein Versuch, die Welt von heute zu verstehen. Eine ähnliche Rolle spielen die exotischen Länderbeschreibungen in den Werken von Ryszard Kapuściński („Der Kaiser“, „Szach-in-Szach“, „Das Imperium“). Zeitlich entfernte Ereignisse, fremde Sitten und politische Umwälzungen dienen der Interpretation des menschlichen Daseins und hinterfragen den Sinn der Realitätsveränderungen. Diese Betrachtungsweise ist sicherlich der Hauptgrund für die weltweite Popularität dieser Autoren.

 

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