Anna Jagiełłonka, die dritte Tochter von Zygmunt I. Stary und Bona Sforza, hatte am polnischen Hof kein leichtes Leben. Dominiert durch die starke Persönlichkeit ihrer Mutter (die das Land zu Lebzeiten ihres Mannes regierte) stand die gehorsame und gefügige Prinzessin nur in ihrem Schatten und konnte sich durch nichts hervortun. Sie stickte Messgewänder, war in ihrem Tun von Barmherzigkeit erfüllt und dazu noch eine gute und demütige Tochter. Und ihre Schwestern heirateten: Izabela den ungarischen König, Sofia den Herzog von Braunschweig und Katarzyna, der Anna übrigens ihren eigenen Verehrer überlassen hatte, den König von Schweden. Alle hatten durch ihre Vermählungen einen Beitrag zur Jagiellonendynastie geleistet. Sie blieb dagegen bis zum 52. Lebensjahr unvermählt. 33 Jahre an der Seite ihrer dominanten Mutter lehrten sie Geduld und Beherrschung.
Ihre Situation änderte sich, als ihr Bruder, König Zygmunt August 1572 verstarb, ohne einen Nachfolger für den polnischen Thron zu hinterlassen. Für die Herrscher der Nachbarstaaten wurde die bisher unbeachtete Anna plötzlich sehr wertvoll, denn eine Ehe konnte den Weg zur polnischen Krone ebnen, wobei der Adel den neuen Herrscher erst anerkennen musste. Anna wählte den 28 Jahre jüngeren Franzosen Henri Valois zum Mann. Er war der Bruder des französischen Königs Karl IX. Sie glaubte völlig an Henris Zuneigung und sein Heiratsversprechen und setzte ihren Willen durch. Hier zeigte sich, dass sie genauso bestimmt wie ihre Mutter war. Schon früher hatte sie Anhänger beim Adel gewonnen, als sie die Ermittlungen zu den geraubten Juwelen von Zygmunt August von Anfang an unterbunden hatte. Der Adel sah in ihr eine großzügige sowie außergewöhnlich gute und fromme Person. Deshalb akzeptierten die polnischen Edelmänner, dass ihre Wahl auf einen Franzosen fiel, obwohl auch Ernst Habsburg um ihre Hand angehalten hatte. Als Henri aber am 16. Mai 1573 zum polnischen König ausgerufen wurde und erst Januar 1574 in Polen eintraf, brach er sein Versprechen, was er der polnischen Prinzessin gegeben hatte. Auch die Stimmung in der Gesellschaft gegenüber der Prinzessin kippte: Der Adel vergötterte sie zwar weiterhin, Anna geriet aber in Ungnade bei den Senatoren, die sie nicht mehr unterstützten, als die Verlobung gelöst wurde.
Der neue Herrscher verprasste das Geld aus der Staatskasse und verteilte Güter der Krone sowie Auszeichnungen, um auf diese Weise Anhänger zu gewinnen. Das währte jedoch nicht lange. Als sein Bruder, Karl IX., verstarb, eröffnete sich ihm eine ganz neue Perspektive. Im Juni 1574, nur knapp vier Monate nach Übernahme der Regierungsgeschäfte in Polen, eilte Henri Valois nach Frankreich, um dort den Thron zu besteigen.
Diese dramatischen Ereignisse machten Anna wieder beliebt. Um zu vermeiden, dass Kaiser Maximilian, dessen Kandidatur die Magnaten durchsetzen wollten, den Thron besteigt, rief der polnische Adel am 15. Dezember 1575 den Herzog von Siebenbürgen, Stefan Bátory, zum König aus und kürte ihn zum Gatten von Anna Jagiełłonka.
Die Ehe stand unter keinem glücklichen Stern. Der König war zehn Jahre jünger als seine Frau, die mit über 50 Jahren keine Kinder mehr bekommen konnte. Die Kriege im Osten nahmen Bátory völlig in Anspruch, und er war selten zu Hause. Er hatte eine Geliebte, womit er Anna zusätzlich demütigte. Sie spielte mit dem Gedanken, sich scheiden zu lassen. Doch der unerwartete Tod der Königs im Dezember 1586, der trotz seiner Laster einer der hervorragendsten polnischen Wahlkönige war, hatte alle überraschte. Nur seine Frau reagierte gefasst, denn sie hatte schon einen Plan parat. Als der Streit der Westmächte um die polnische Krone wieder aufflammte, brachte Anna Jagiełłonka die Pläne der europäischen Großmächte durcheinander, indem sie den Thron für ihren Neffen Zygmunt III. Wasa beanspruchte. Es war der Sohn vom schwedischen König Johann III. und Katarzyna Jagiełłonka, der mit der Verlegung der polnischen Hauptstadt von Krakau nach Warschau Geschichte geschrieben hat.
Anna Jagiełłonka starb am 9. September 1596. Schon zu Lebzeiten wurde sie die "Katharina von Medici Osteuropas" genannt.



